Pilotprojekt im Bahnhof Südkreuz: Bundespolizei lockt Freiwillige mit Amazon-Gutschein für Gesichtserkennung

Ab 1. August soll im Bahnhof Südkreuz im Berliner Bezirk Schöneberg sechs Monate lang getestet werden, ob automatische Gesichtserkennung per Kamera funktioniert. Dafür sucht die Bundespolizei nun insgesamt 275 freiwillige Tester. Wie der Tagesspiegel berichtet, können sich Interessierte seit Montag im Bahnhof melden. Begehrt sind laut Bundespolizei volljährige Pendler, die regelmäßig durch den Bahnhof kommen, am besten mehrmals täglich.

„Die Kameras erfassen in der Westhalle des Bahnhofs einen markierten Bereich. Wer dort nicht aufgenommen werden wolle, könne ihn umgehen.“, erklärte die Bundespolizei laut Tagesspiegel.

Von den Probanden werden verschiedene Lichtbilder angefertigt. Die Bilder werden in einer Test-Datenbank hinterlegt, deren Software es möglich macht, diese Aufnahmen mit denen der Kameras im Bahnhof zu vergleichen. Zusätzlich müssen sie zur Kontrolle durch eine zweite Überwachungstechnik einen RFID-Transponder-Chip z.B. an einem Schlüsselbund tragen.

Für den Test lockt die Bundespolizei mit einer Belohnung: Wer den Kamerabereich an mindestens 25 unterschiedlichen Tagen durchquert, erhält einen Amazon-Gutschein im Wert von 25 Euro. Zusätzliche Hauptpreise gibt es für diejenigen Tester, die an mindestens 30 unterschiedlichen Tagen am häufigsten den Testbereich genutzt haben. Die Daten aus dem Test sollen nach einem Jahr gelöscht werden, so die Tageszeitung aus Berlin.

Die Technik ist bei Datenschützern sehr umstritten. Bundesinnenministerium, Bundeskriminalamt und die Bahn, die das Pilotprojekt am Bahnhof Südkreuz steuern, erhoffen sich aber, auf diese Weise mögliche Gefährder erkennen und so einen geplanten Anschlag verhindern zu können.

„Mit dieser Technik könnte es gelingen, Straftaten und Gefahrensituationen vorab zu erkennen. Mögliche Gefährder könnten vor einem geplanten Anschlag festgestellt und dieser verhindert werden.“, heißt es dazu in einem für den Test freigeschalteten FAQ der Bundespolizei.

Kritik an der „biometrischen Gesichtserkennung in Live-Videoströmen von Überwachungskameras“ kommt unter anderem von der Berliner Datenschutzbeauftragten Maja Smoltczyk. In einer Pressemitteilung vom 23. Februar 2017, in der sie noch nicht konkret auf das Projekt im Bahnhof Südkreuz Bezug nimmt, warnt sie nachdrücklich vor dem Einsatz von Videokameras mit Gesichtserkennung:

„Der Einsatz von Videokameras mit Gesichtserkennung kann die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit anonym zu bewegen, gänzlich zerstören. Die Möglichkeiten, sich solcher Überwachung zu entziehen oder diese gar zu kontrollieren, sind kaum vorhanden. Anders als bei konventioneller Videoüberwachung können Passanten nicht nur beobachtet, sondern während der Überwachung identifiziert werden, z. B. indem die gewonnenen Daten mit digitalen Fotografien abgeglichen werden, die mittlerweile von fast jedem im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken, zu finden sind. Außerdem kann eine Speicherung von identifizierenden Daten über den eigentlichen Überwachungszeitraum hinaus erfolgen. Dies erleichtert die Möglichkeiten der Erstellung von Bewegungsprofilen über die Erfassungsbereiche von mehreren Videokameras hinweg und die Verknüpfung mit anderen über die Person verfügbaren Daten.“

Kritik kommt auch von Berliner Politikern von Die Linke und den Grünen. Burkard Dregger, Innenexperte der CDU, befürwortet die Technik hingegen. Erfahren Sie mehr dazu hier.

Einen weiteren Test planen die Behörden und die Deutsche Bahn mit Videokameras und einer gänzlich neuen Software: Wie heise online berichtet, sollen von dieser automatisch Gefahrensituationen erkannt werden, etwa herrenlose Koffer, stürzende Personen oder Aktionen von Graffiti-Sprayern. Auch eine Mustererkennung von Taschendieben, die in Gruppen meistens auf Treppen oder Rolltreppen auftreten und in denen jeder feste Rollen hat, soll dazugehören.

Beide Tests sind nur Vorstufen. Für die Zukunft ist eine systematische Videoüberwachung des Berliner Nahverkehrs geplant. Laut heise online sollen bereits Ende 2017 alle Berliner S-Bahnhöfe mit Videokameras ausgestattet sein, die von Leitstellen der Bahn und Bundespolizei angesteuert werden können. Derzeit werden nur Wechselbahnhöfe durchgängig überwacht (Gesundbrunnen, Hauptbahnhof, Friedrichstraße, Ostbahnhof, Potsdamer Platz, Spandau, Südkreuz und Zoo). Dabei hat die Bahn rund 1000 Kameras im Einsatz, 80 davon im Bahnhof Südkreuz. (fl)

Quellen:

Heise vom 19.06.2017: Gesichtserkennung per Video: Bundespolizei sucht Berliner Freiwillige

Tagesspiegel vom 21.06.2017: Sicherheit in Berliner Bahnhöfen – Wie die Bundespolizei am Südkreuz neue Videotechnik testet

Tagesspiegel vom 19.06.2017: Pilotprojekt im Bahnhof Südkreuz – Polizei sucht Tester für Gesichtserkennung

„Aktuelles“ der Bundespolizei: Erprobung intelligenter Videotechnik zur Gesichtserkennung am Bahnhof Berlin Südkreuz

Netzpolitik vom 23.03.2017: Überwachungslabor Berlin-Südkreuz: Tracking und Gesichtserkennung geplant

Pressemitteilung der Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit vom 23.02.2017: Biometrische Gesichtserkennung – eine Technik ohne Zukunft