KI-Regulierung & Datenschutz: Expertin Silja Nordmeyer-Andrez über KI-Compliance im Unternehmen

Silja Nordmeyer-Andrez ist eine technologieaffine Juristin mit einem vielseitigen Erfahrungshintergrund, der Stationen in internationalen Großkanzleien in London und Paris, einer EU-Institution, dem deutschen Startupbereich sowie einem internationalen Großkonzern umfasst. Seit Januar 2026 bekleidet sie den Posten als Senior Responsible AI Advisor für den HR-Tech-Konzern Phenom. Bereits in den Jahren zuvor war sie dort im Datenschutz tätig und beschäftigte sich vermehrt mit der rechtskonformen Entwicklung und dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Dass Positionen wie ihre nun fest etabliert werden, zeigt deutlich: KI-Governance ist gekommen, um zu bleiben. Da Unternehmen weltweit vor neuen Herausforderungen durch künstliche Intelligenz stehen, freuen wir uns besonders, dass Silja heute ihre Erfahrungen und Insights mit uns teilt.
1. Welche AI-Regulierungsthemen haben dich die letzten Wochen beschäftigt?
2. Warum sollten sich KMU mit dem AI Act beschäftigen?

KI ist längst ein fester Bestandteil in vielen Unternehmen – auch in KMU. Unabhängig davon, ob sie sich aktiv mit Regulierung beschäftigen oder nicht, trifft sie die KI-Verordnung durch ihre breite Anwendung. Die Verpflichtung, Mitarbeitende seit Februar dieses Jahres mit ausreichender KI-Kompetenz auszustatten, ist inzwischen aktuell und sollte zügig umgesetzt werden.
Außerdem empfehle ich eine gut formulierte KI-Richtlinie. Sie dient KMU dabei nicht nur als Absicherung gegen rechtliche Risiken, sondern schafft auch klare Transparenz darüber, was im Umgang mit KI-Technologie erlaubt ist – insbesondere zu Datenschutz, Geschäftsgeheimnisschutz, geistigem Eigentum und potenziellen Rechtsverletzungen.
Wichtig ist für KMU zudem, genau zu prüfen, in welcher Rolle sie KI tatsächlich nutzen: Treten sie ausschließlich als Betreibende (Deployer) oder auch als Anbietende (Provider) auf? Gerade im SaaS-Umfeld sind diese Grenzen fließend und haben direkte Auswirkungen auf die Pflichten.
Abschließend gilt für KMU, sich bewusst zu machen, welche KI-Lösungen im eigenen Unternehmen eingesetzt werden und welche Risiken und Verpflichtungen hiermit verbunden sind. Dieses Bewusstsein bildet die Grundlage für eine verantwortungsvolle und sichere KI-Anwendung.
3. Welche konkreten Fragen sollten unsere Kund*innen Anbietenden stellen, bevor sie eine KI-Lösung beauftragen oder in ihr Unternehmen integrieren?
Ich rate dazu, bei allen Anbietenden gezielt nach der eingesetzten KI-Technologie zu fragen. Denn heutzutage integrieren die meisten Unternehmen zumindest eine generative KI in ihre Lösungen.
Die konkreten Fragen, die ich empfehlen würde:
Diese Fragen sind ein guter Ausgangspunkt, ersetzen aber keine individuelle Beratung. Ich empfehle, sich Unterstützung zu holen – von Vorlagen etablierter Anbietender über speziell zugeschnittene Fragebögen bis hin zu Compliance-Tools und professioneller Beratung. In jedem Fall würde ich empfehlen, das Rad nicht neu zu erfinden und auf bewährte Materialien und Expertise zu setzen.
4. In welchen Unternehmensbereichen begegnen dir KI-Lösungen aktuell am häufigsten – und wie reif sind diese Anwendungen wirklich?
KI begegnet mir inzwischen überall im Unternehmen, vor allem dort, wo repetitive Aufgaben unterstützt oder Texte generiert werden. Besonders wichtig ist für mich, dass Mitarbeitende die vom Unternehmen ausgewählten KI-Lösungen mit ihren Firmen-Logins nutzen. Für Unternehmen, die Single-Sign-On-Lösungen verwenden, kann das nahtlos dargestellt werden.
Sehr ausgereift sind meiner Erfahrung nach KI-Lösungen zur Textgenerierung. Ich selbst erlebe oft, wie KI meine Schreiben ergänzt. So schlug mir eine KI kürzlich eine Antwort-E-Mail vor, die prompt meinen Stil traf. Obwohl ich gut und auch gern selbst schreibe, hatte ich tatsächlich nichts anzupassen – das hat mich beeindruckt. Auch in meinem Textverarbeitungsprogramm werden KI-Funktionen angeboten, die gut helfen, wenn ich eigene Texte erweitern will.
Was ich besonders schätze, sind KI-Tools mit Quellenangaben. Damit geht Recherche schneller als mit einer herkömmlichen Suchmaschine. Als Juristin muss und will ich Quellen natürlich weiterhin intensiv prüfen, aber der Zeitgewinn ist enorm und die Recherche gewinnt an Qualität. Ich bin überzeugt, dass solche Tools sich weiter verbessern werden.
Weniger begeistert bin ich von internen Chatbots, die ausschließlich auf Unternehmensdaten basieren. Das liegt vermutlich an widersprüchlichen Informationen, mit denen solche Chatbots „gefüttert“ werden. Die Antworten müssen oft geprüft oder an Fachabteilungen weitergegeben werden. Was die Chatbots aber gut können: Inhalte schreiben und strukturieren. In jedem Fall warne ich davor, KI-Antworten unkontrolliert zu vertrauen – das Risiko inhaltlicher Fehler ist real.
5. Wer trägt im Unternehmen die Verantwortung für Datenschutz und Sicherheit, wenn KI-Systeme eingesetzt werden – und wo entstehen dabei typische Lücken?
Gibt es in deinem Umfeld schon Chief AI Accountability Officers (CAIOs) oder sind wir noch in der „Compliance-macht-das-schon-Phase“?
In meinem Umfeld sehe ich sehr unterschiedliche Ansätze. CAIOs sind bislang eher selten. Diese Rolle ist vor allem in größeren oder stark regulierten Unternehmen zu finden, wo man sich die spezialisierten Expert*innen leisten kann und will. Häufiger beobachte ich, dass die Verantwortung auf bereits etablierte Positionen verteilt wird, etwa auf die Datenschutz- oder Informationssicherheitsbeauftragten, die Rechts- oder Complianceabteilung.
Aus meiner Sicht ist das größte Problem oft nicht die formale Benennung, sondern dass tatsächlich klare Verantwortung übernommen wird. Bestehende Anbieter sollten im regelmäßigen Turnus überprüft werden. Fehlen klar definierte Abläufe und Verantwortlichkeiten, entstehen leicht organisatorische Lücken, die Risiken erhöhen.
Letztlich ist es eine Abwägung, bei der Risiken und Chancen gleichermaßen bewertet werden müssen. Non-Compliance kann teuer werden. Compliance im Gegenzug kann zum Wettbewerbsvorteil werden – für Anbietende wie auch für die Nutzenden von KI. Für mich gilt: Wir müssen nicht entweder KI-Fans oder Skeptiker sein. Eine ausgewogene Mischung aus beidem ist der Schlüssel zu einem verantwortungsvollen und produktiven Umgang mit KI.


